Seit Jahrzehnten gehört das Volksfest in Au am Inn zur Gemeinde wie der Maibaum zum Dorfplatz. Für viele ist es die fünfte Jahreszeit – nur leider eine, der in den vergangenen Jahren zunehmend die frischen Triebe ausgegangen sind. Spätestens mit dem Ausbleiben der Schaustellerfamilie Rilke wurde sichtbar, dass diese Tradition nicht von selbst weiterlebt.
Dabei wurde in den letzten Jahren vieles versucht. Die Festwirtfamilie Lettl hat sich sichtbar bemüht und mit ihrer Festhalle eine Atmosphäre geschaffen, bei der das Wort „Zelt“ fast schon beleidigt gewesen wäre. Heimischer als manches Wohnzimmer, mit Boxen, viel Holz, viel Gefühl und Liebe zum Detail, präsentierte sich das Garser Volksfest zuletzt in einer Form, die es so in Au bisher nicht gegeben hatte.
Nun folgt der nächste Neuanfang.
Am Freitag, den 08. Mai 2026, zapfte Bürgermeister Robert Otter mit drei Schlägen das erste Fass an und eröffnete damit die Volksfestzeit in Au. Gewünscht wurde eine friedliche und sonnige Festwoche. Und ganz sicher, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wurde, eine wirtschaftlich tragfähige Woche für die neuen Festwirte Oliver und Helmut Zeiler.
Das Vater-Sohn-Duo bringt reichlich Erfahrung mit. Beide haben bereits mehrere Volksfeste erfolgreich veranstaltet und sind als Gastgeber im Lokschuppen Simbach am Inn keine Theoretiker der Gastronomie, sondern Vollblutwirte. Anders gesagt: Die beiden wissen, dass ein Festzelt nicht vom Anschauen voll wird und dass ein leerer Biergarten noch keinen Umsatz macht.
Eine deutliche Veränderung gibt es beim Bier. Erstmals fließt nicht mehr das „Klosterauer Gold“ aus den Zapfhähnen, das nach dem Ende der Klosterbrauerei Au am Inn von der Brauerei Stierberg nach Originalrezept gebraut wurde. In diesem Jahr setzt man auf Festbier aus dem Hofbräuhaus Traunstein. Ein spürbarer Schritt, sicher nicht für jeden leicht zu schlucken – auch wenn das Bier selbst wohl genau dafür gedacht ist.
Auch bei der Ausstattung geht es wieder klassischer zu. Statt der besonders gemütlichen Gestaltung der Vorjahre setzt man nun auf bewährte Festzeltbestuhlung. Vielleicht weniger Wohnzimmer, dafür mehr Volksfest. Weniger Polster, mehr Praxis. Und vermutlich auch deutlich leichter zu pflegen, wenn zu später Stunde die Schwerkraft über Maßkrüge, Brotzeitbretter oder einzelne Gäste entscheidet.
Das Programm bleibt im Kern vertraut. Es gibt wieder das Oldtimer- und Bulldogtreffen, erstmals ein Preisschafkopfen, den Weißblauen Stammtisch am Muttertag, den Kindernachmittag am Montag mit vergünstigten Fahrpreisen und den Seniorennachmittag am Dienstag. Dort darf man sich vermutlich wieder auf Schwänke von Robert Otter und Hildegard Brader freuen – und natürlich auf die beinahe schon unvermeidliche Herzerlvergabe.
Weitere Programmpunkte am Dienstag und Mittwoch, darunter auch günstige Angebote zum Mittagstisch, runden die Festwoche ab. Am Vatertag findet das Volksfest, wie in den Jahren zuvor, seinen Abschluss. Ob krönend oder eher leise ausklingend, liegt allerdings nicht allein bei den Festwirten.
Denn genau darum geht es: Wir entscheiden über die Zukunft dieses Volksfestes.
Gute Wünsche allein zahlen keine Musik, kein Personal, keine Schausteller und kein Bier. Ein Festwirt kann sich vom Satz „Schön, dass es das noch gibt“ ungefähr so viel kaufen wie von einem leeren Maßkrug. Wenn wir wollen, dass das Volksfest in Au am Inn weiterbesteht, dann müssen wir hingehen. Nicht irgendwann, nicht nur „wenn es passt“, sondern jetzt.
Jedes schwache Jahr macht es schwieriger, ein solches Fest überhaupt noch auf die Beine zu stellen. Besonders der Vergnügungspark leidet seit dem Ausscheiden der Schaustellerfamilie Rilke. Was früher als erstes Volksfest im Landkreis Mühldorf bei den Schaustellern begehrt war, muss sich heute deutlich mehr anstrengen, um überhaupt noch Betriebe zu gewinnen. Bleiben die Umsätze schwach, wird es künftig nicht leichter. Eher im Gegenteil.
Natürlich kann man immer diskutieren, was ein Festwirt anders, größer, schöner oder spektakulärer hätte machen können. Aber am Ende hilft selbst der Originalmond über dem Festplatz nichts, wenn darunter niemand sitzt.
Deshalb ist dieses Volksfest mehr als ein weiterer Versuch. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen, mit der Maß, mit dem Hendl, mit der Schafkopfkarte und mit dem Fahrchip fürs Kinderkarussell.
Wenn wir diese Tradition erhalten wollen, müssen wir sie auch nutzen. Sonst bleibt irgendwann nur noch der Satz, den man bei verlorenen Dingen immer viel zu spät sagt:
„Es war einmal.“