Wenn Fotografieren zum Rechtfertigungsfall wird

Warum ich öffentliche Veranstaltungen in Gars immer seltener mit der Kamera begleite
Interessante Aufnahme einer Zensurveranstaltung (nicht ganz ernst gemeint)

Öffentliche Veranstaltungen zu fotografieren, wird zunehmend mühselig. Kaum richtet man die Kamera auf das Geschehen, beginnen die Diskussionen: Für wen fotografieren Sie? Warum wurde ich nicht gefragt? Dürfen Sie das überhaupt? Ich möchte auf keinem Bild zu sehen sein.

Bei einer Aufnahme mit vierzig oder fünfzig Menschen ist es weder möglich noch der Sinn einer öffentlichen Berichterstattung, mit jeder einzelnen Person zuvor ein ausführliches Gespräch zu führen und eine schriftliche Einwilligung einzuholen. Würde man diesen Maßstab tatsächlich anlegen, gäbe es kaum noch authentische Bilder von Festen, Märkten, Umzügen, Konzerten oder anderen öffentlichen Ereignissen.

Was die Rechtslage tatsächlich sagt

Die Datenschutz-Grundverordnung enthält keinen einfachen Satz, wonach auf öffentlichen Veranstaltungen grundsätzlich fotografiert werden darf. Sie verbietet solche Aufnahmen aber ebenso wenig pauschal.

Nach Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe f DSGVO kann eine Verarbeitung personenbezogener Daten rechtmäßig sein, wenn sie „zur Wahrung der berechtigten Interessen des Verantwortlichen oder eines Dritten erforderlich“ ist. Dem stehen die Interessen und Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Personen gegenüber. Diese Interessen müssen im Einzelfall gegeneinander abgewogen werden.

Zugleich verpflichtet Artikel 85 DSGVO die Mitgliedstaaten, Datenschutz und das Recht auf freie Meinungsäußerung und Information miteinander in Einklang zu bringen. Dazu gehört ausdrücklich auch die journalistische Berichterstattung.

Für die Veröffentlichung von Personenaufnahmen ist außerdem das Kunsturhebergesetz von Bedeutung. § 23 nennt ausdrücklich „Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben“. Solche Aufnahmen können unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne die Einwilligung jeder einzelnen abgebildeten Person veröffentlicht werden.

Das ist kein Freibrief. Herabwürdigende Bilder, Aufnahmen aus privaten oder besonders sensiblen Situationen und gezielte Porträts einzelner Personen sind anders zu beurteilen als eine Übersichtsaufnahme einer öffentlichen Veranstaltung. Auch berechtigte persönliche Interessen müssen selbstverständlich berücksichtigt werden.

Aber ebenso klar ist: Ein öffentliches Fest ist kein privates Wohnzimmer. Wer daran teilnimmt, muss grundsätzlich damit rechnen, dass über die Veranstaltung berichtet und das Geschehen dabei auch fotografisch dokumentiert wird.

Veranstaltung auf den "Punkt" gebracht ... waren die damals so hässlich oder was ist da los gewesen?

Worum es mir bei diesen Bildern geht

Vielleicht muss ich an dieser Stelle auch etwas Persönliches sagen, obwohl ich es eigentlich für überflüssig halte: Ich bin 62 Jahre alt und seit 40 Jahren verheiratet. Ich hege keinerlei Interesse daran, junge Frauen oder andere Besucherinnen und Besucher aus privaten Gründen gezielt zu fotografieren. Meine Kamera ist weder ein Vorwand für eine Annäherung noch Ausdruck irgendeines persönlichen Interesses.

Mit Verlaub: Wer beim Anblick einer Kamera reflexartig davon ausgeht, der Fotograf sei gerade auf ihn oder sie persönlich fixiert, misst der eigenen Rolle in diesem Augenblick bisweilen etwas zu viel Bedeutung bei. Nicht jede Person im Bild ist das Motiv. Meist ist sie Teil eines größeren Geschehens. Und eine Kamera bedeutet nicht automatisch, dass der Mensch dahinter jemanden für unwiderstehlich hält.

Meine Arbeit verfolgt andere Ziele.

Erstens stelle ich der Marktgemeinde Gars a. Inn Bildmaterial für Mitteilungen und Berichte zur Verfügung. Eine lebendige Gemeinde lässt sich nicht ausschließlich mit Texten, Tagesordnungen und amtlichen Bekanntmachungen darstellen. Zu ihr gehören Menschen, Begegnungen und Veranstaltungen.

Zweitens sollen auch diejenigen einen Eindruck erhalten, die an einer Veranstaltung nicht teilnehmen konnten oder zunächst kein Interesse daran hatten. Gute Bilder können zeigen, was stattgefunden hat, welche Atmosphäre herrschte und warum eine Veranstaltung für den Ort von Bedeutung war.

Drittens berichte ich mit Bildern und Texten über das örtliche Geschehen. Das ist keine private Bildersammlung, sondern lokale Dokumentation und Berichterstattung.

Viertens sollen ausgewählte Aufnahmen in das Gemeindearchiv gelangen. Auch nach uns wird es Menschen in Gars geben, die wissen möchten, wie der Ort zu unserer Zeit aussah, wie gefeiert wurde und wer das gesellschaftliche Leben geprägt hat. Dass wir heute Bilder aus früheren Jahrzehnten betrachten können, verdanken wir Menschen, die damals eine Kamera mitgenommen und den Auslöser gedrückt haben.

Ein Gemeindearchiv entsteht nicht erst in ferner Zukunft. Es entsteht heute.

Rücksichtnahme muss in beide Richtungen gelten

Selbstverständlich respektiere ich es, wenn mich jemand ruhig anspricht und ausdrücklich nicht veröffentlicht werden möchte. Soweit es praktisch möglich ist, berücksichtige ich solche Wünsche bei der Auswahl der Aufnahmen. Auch Veranstalter können viel zur Klarheit beitragen, indem sie bereits in der Einladung und am Veranstaltungsort auf die fotografische Begleitung und deren Zweck hinweisen.

Was auf Dauer jedoch nicht funktioniert, ist der Generalverdacht gegenüber jedem Menschen mit einer Kamera. Ebenso wenig kann ein Fotograf während einer öffentlichen Veranstaltung mit Dutzenden Personen darüber verhandeln, ob sie zufällig im Hintergrund einer Übersichtsaufnahme erscheinen dürfen.

Wenn jede Aufnahme zunächst zu einer Rechtfertigung und jede Kamera zu einem Anlass für persönliche Unterstellungen wird, verliert man irgendwann die Freude an dieser Arbeit. Genau das ist der Grund, weshalb ich öffentliche Veranstaltungen inzwischen immer weniger gern besuche und fotografisch begleite.

Die Folge wäre nicht mehr Datenschutz, sondern weniger Berichterstattung und eine lückenhaftere Dokumentation unseres Gemeindelebens. Vielleicht fällt das zunächst niemandem auf. In einigen Jahrzehnten könnte man sich allerdings fragen, warum ausgerechnet aus unserer Zeit so wenige aussagekräftige Bilder vorhanden sind.

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