Kicherstein (dpa-ish) – Früher war alles einfacher: Man stellte sich mit rostigem Helm auf die Straße, brüllte „Wegzoll!“, und die Welt wusste, woran sie war. Heute dagegen stehen sie wieder da – die Raubritter – allerdings mit einer völlig neuen Unternehmenskultur: freundlich, serviceorientiert, leicht überdreht und so bemüht, dass selbst der reisende Kaufmann kurz überlegt, ob er nicht freiwillig Trinkgeld geben sollte.
Denn wer dieser Tage die Landstraße zwischen Wursthausen und Schnappsdorf passiert, trifft auf die berüchtigte Bande von Burg Kicherstein: Ritter Rüdiger „der Rückgabefreudige“, Sir Kunibert „Quittungsblock“ von Knatterfels und Hauptmann Edeltraud „Bitte-und-Danke“ von der Hängebrücke. Sie gelten als die ersten Raubritter mit Kundenservice-Hotline, Beschwerdemanagement und – man glaubt es kaum – Beute-Rückgaberecht innerhalb von 14 Tagen, sofern die Beute ungetragen ist.
„Wir sind nicht gegen die Reisenden“, erklärt Sir Kunibert, während er einen Wegzoll-Stempel aus dem Wams zieht. „Wir sind für einen geregelten Geldfluss. Stabil. Transparent. Mittelalterlich.“
Wegelagerei, aber bitte mit Stil
Der Überfall beginnt bei Kicherstein selten mit einem Schwert, sondern meist mit einem übermotivierten Begrüßungsspruch.
„Heda, guter Mann! Wir führen heute eine charmante Wegzoll-Aktion. Wären fünf Silberlinge für Sie emotional tragbar?“, fragt Ritter Rüdiger, und sein Pferd nickt zustimmend, weil es im Stall eine Fortbildung in „Empathie im Kundenkontakt“ erhalten hat.
Die Reisenden reagieren verschieden. Manche lachen. Manche weinen. Manche kramen reflexartig ihre Geldbörse hervor, weil sie noch nie so höflich ausgenommen wurden. Ein fahrender Händler berichtete, er habe „zum ersten Mal nach einem Überfall das Gefühl gehabt, ein Abo abgeschlossen zu haben“.
Die Raubritter und die moderne Welt: Ein missglückter Schulterschluss
Dass die Bande nicht nur raubt, sondern auch gesellschaftlich „mitreden“ will, zeigt ihr jüngster Versuch, eine politische Forderung zu etablieren: „Mehr Zölle für alle!“ Ein Slogan, der auf Bannern an die Burgmauer gemalt wurde – mit Glitzer. Der mittelalterliche Adel zeigte sich irritiert, die Bauern verwirrt, und der örtliche Schreiber fiel beim Wort „Glitzer“ in Ohnmacht.
Auch technologisch sind die Kichersteiner überraschend auf der Höhe – jedenfalls in ihrer Vorstellung. Bei Nacht patrouillieren sie mit Fackeln und sprechen von „mobiler Beleuchtung“. Ihre Zugbrücke nennen sie „Lift“. Den Burggraben: „Firewall“. Und wer nicht zahlt, wird nicht bedroht – sondern „in den Wartungsmodus versetzt“.
Der größte Coup: Die Beute – und das schlechte Gewissen
Doch so lustig das Treiben wirkt, es steckt eine tiefe Wahrheit unter den Kettenhemden: Diese Raubritter haben – man muss es so nennen – Gewissensbisse. Nach jedem erfolgreichen Überfall gibt es eine Teambesprechung im Rittersaal, bei der reflektiert wird, ob man „zu hart“ gewesen sei.
„Neulich hab ich einem Pilger den Gürtel abgenommen“, erzählt Ritter Rüdiger mit glasigem Blick. „Und dann hab ich gesehen, dass er… ganz dünn war. Da hab ich ihm den Gürtel wiedergegeben und stattdessen eine Suppe angeboten.“
So entstehen Szenen, die selbst der Chronist kaum glaubt: Ein Raubritter, der einen Händler ausraubt und dabei sagt: „Ich nehme nur die Hälfte, Sie sollen ja auch noch Freude am Leben haben.“ Oder ein Überfall, der mit den Worten endet: „Alles Gute noch – und grüßen Sie die Familie!“
Bürger reagieren: „Erst witzig, dann verwirrend“
In der nahegelegenen Schenke „Zum durstigen Einhorn“ ist das Thema allgegenwärtig. Wirtin Berta rührt im Eintopf und schüttelt den Kopf.
„Die kommen rein, legen zwei Goldstücke auf den Tresen und sagen, das sei ‘Schmerzensgeld’ fürs Überfallen. Ich sag’s, wie’s ist: Früher war Verbrechen wenigstens konsequent.“
Ein Stammgast ergänzt: „Wenn die mich überfallen, fühle ich mich danach irgendwie… gesehen. Das macht mir Angst.“
Wie endet das alles?
Der Herzog hat inzwischen reagiert. Er kündigte an, „die Situation ernst zu nehmen“ – was in feudalen Kreisen bedeutet: Er wird in drei bis sieben Monaten eine Delegation schicken, die erst mal Kuchen isst. Bis dahin dürfen sich Reisende weiterhin auf Kichersteiner Wegelagerei freuen – inklusive Quittung, freundlichem Smalltalk und einem abschließenden Hinweis auf die aktuelle Sonderaktion: „Drei Überfälle bezahlen, den vierten gratis – mit Burgführung!“
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Wenn sogar Raubritter versuchen, nett zu sein, dann ist entweder die Welt reifer geworden – oder einfach nur komplett durchgedreht.
Hinweis der Redaktion: Wer auf der Strecke unterwegs ist, sollte ausreichend Kleingeld bereithalten. Und ein Lächeln. Bei Kicherstein wird beides gerne genommen.